«Ich möchte das, was ich hier gelernt habe, in meinen Alltag mitnehmen.»

Über viele Jahre hinweg hatte Jürgen Baumann ein sehr ungesundes Essverhalten entwickelt, was unter anderem zu starkem Übergewicht, sozialem Rückzug und psychischen Problemen führte. Ein Aufenthalt in der Privatklinik Aadorf war ein essenzieller Aspekt auf seinem Weg aus der Krise. Im Gespräch erzählt er, welche Therapien ihm besonders geholfen haben und was ihm Sicherheit für die Zukunft gibt.

Herr Baumann, können Sie uns in kurzen Worten von Ihrer Krankheitsgeschichte erzählen?

Ich habe über viele Jahre hinweg ein sehr ungesundes Essverhalten entwickelt. Es war oft so, dass ich nur einmal am Tag grosse Mengen gegessen habe und dazu viel Zucker in Form von Softgetränken konsumiert habe. Das Ganze hatte viel mit meiner Vergangenheit zu tun, mit Dingen aus meiner Jugend, die ich lange nicht richtig verarbeitet habe. Irgendwann habe ich gemerkt, dass ich mich immer weiter von mir selbst entferne und die Kontrolle verliere. Das Gewicht war dabei nur ein sichtbares Symptom von etwas, das viel tiefer lag.

Für viele Menschen sind psychische Erkrankungen unter anderem auch mit Schamgefühlen behaftet. War dies bei Ihnen auch der Fall?

Ja, das war bei mir definitiv so. Vor allem im Zusammenhang mit meinem Gewicht und meinem Essverhalten habe ich mich oft geschämt und mich immer mehr zurückgezogen. Ich habe Situationen vermieden und auch den Kontakt zu meiner Familie teilweise reduziert, weil ich mich nicht zeigen wollte. Ich bin zum Teil bewusst zu Randzeiten einkaufen gegangen, um möglichst wenigen Menschen zu begegnen und nicht in die Situation zu kommen, mich erklären zu müssen, warum mein Gewicht so ist, wie es ist. Man beginnt, solche Strategien zu entwickeln, um sich zu schützen, bis es irgendwann nicht mehr funktioniert und auffliegt. Diese Scham war lange ein grosser Teil meines Alltags und hat vieles blockiert.

Wann haben Sie gemerkt, dass eine therapeutische Behandlung notwendig sein könnte? Was hat den Ausschlag gegeben, dass Sie sich für einen Klinikaufenthalt entschieden haben?

Der Punkt kam, als ich gemerkt habe, dass ich es allein nicht mehr schaffe. Ich war einkaufen und hatte, wie so oft, viel zu viel dabei, mehrere volle Taschen und noch Getränke dazu. Da die Einkaufsmöglichkeiten direkt in der Nähe sind, habe ich alles mit dem Einkaufswagen bis vor die Wohnung gebracht. Genau an diesem Tag war der Lift defekt. Ich musste nur in den ersten Stock, aber mit diesen Einkäufen bedeutete das drei Mal hoch und runter. Danach war ich völlig erschöpft, schweissgebadet, und mir wurde in diesem Moment klar, dass es so nicht mehr weitergehen kann. Dieses Erlebnis war für mich der Punkt, an dem ich mir eingestehen musste, dass ich Hilfe brauche. Die Entscheidung für die Klinik war dann ein sehr bewusster Schritt, weil ich gemerkt habe, dass ich etwas Grundlegendes verändern muss.

Wie schwer fiel es Ihnen, sich vorübergehend von Ihrem privaten und beruflichen Alltag zu lösen?

Am Anfang war das schon eine Herausforderung, vor allem, weil ich selbstständig bin und Verantwortung trage. Gleichzeitig habe ich aber relativ schnell gemerkt, dass diese Auszeit notwendig ist. Es war nicht einfach, loszulassen, aber es hat sich sehr schnell richtig angefühlt, weil ich gemerkt habe, dass ich mich zum ersten Mal seit Langem wirklich auf mich selbst konzentrieren kann. Rückblickend ist mir auch bewusst geworden, wie stark mich mein Zustand im Alltag beeinflusst hat. Früher habe ich für die gleiche Arbeit rund einen normalen Arbeitstag gebraucht. Mit zunehmendem Gewicht hatte ich immer mehr das Gefühl, dass ich im Kopf nicht mehr so beweglich bin, länger brauche und vieles über mehr Arbeitszeit kompensieren muss. Heute merke ich, dass ich wieder deutlich effizienter bin und mich wieder in eine Richtung entwickle, die ich von früher kenne.

Wie haben Sie den Aufenthalt in der Privatklinik Aadorf erlebt? Was hat Ihnen Freude gemacht? Was hat Sie überrascht?

Der Aufenthalt war für mich sehr intensiv und gleichzeitig sehr bereichernd. Was mich besonders überrascht hat, war die Atmosphäre. Es fühlt sich nicht wie eine klassische Klinik an, sondern eher wie ein Ort, an dem man ankommen darf. Die Menschen dort, egal ob Pflege, Therapie oder Reinigung, begegnen einem mit Respekt und echter Menschlichkeit. Freude gemacht haben mir vor allem die Begegnungen mit anderen Patientinnen und Patienten, die Gespräche und das Gefühl, nicht allein zu sein.

Auch das Thema Essen hat für mich eine grosse Rolle gespielt. Ich habe gelernt, wieder regelmässig zu essen, bewusster auszuwählen und mich mit meinem Essverhalten auseinanderzusetzen. Das Essen selbst habe ich als sehr gut erlebt, und es wurde auch auf Wünsche eingegangen. Viel wichtiger war für mich aber, dass ich Schritt für Schritt ein anderes Verhältnis zum Essen entwickeln konnte, ohne das Gefühl von Verzicht oder Druck.

Natürlich treffen hier ganz unterschiedliche Charaktere aufeinander und es menschelt auch. Jede und jeder bringt seine eigene Geschichte und auch seine eigenen Befindlichkeiten mit, der eine mehr, der andere weniger. Das kann herausfordernd sein, vor allem, wenn man sich mit den verschiedenen Ausprägungen von Krankheitsbildern nicht auskennt und dann unbewusst auch mal ins Fettnäpfchen tritt.

Für mich war das aber auch ein wichtiger Lernprozess. Ich habe gemerkt, wie schnell ich dazu neige, im Aussen zu sein und mich über andere abzulenken, anstatt mich mit mir selbst auseinanderzusetzen. Gleichzeitig wurde mir bewusst, dass ich Verständnis von anderen nicht erwarten kann, wenn ich selbst dieses Verständnis nicht aufbringe, auch innerhalb dieser «Bubble» in der Klinik. Das war manchmal nicht einfach, aber genau darin lag auch sehr viel Entwicklung.

Sie waren im Haus Viva untergebracht, das ja nicht wirklich wie eine Klinik aussieht, sondern eher wie ein Wohnhaus mitten im Quartier. Inwiefern hatten Umfeld und Ambiente Einfluss auf Ihre Behandlung und Ihr Befinden?

Das Haus Viva hat für mich eine grosse Rolle gespielt. Es ist kein typisches Klinikgebäude, sondern eher wie ein Wohnhaus, und genau das hat mir geholfen. Es ist fast wie eine Wohngemeinschaft aufgebaut. Man hat ein gemeinsames Esszimmer, ein Wohnzimmer mit Fernseher und eine Terrasse mit Liegen und Sitzgelegenheiten, die wirklich sehr schön ist. Es gibt auch einen Pingpongtisch sowie verschiedene Puzzles und Gesellschaftsspiele.

Durch dieses Umfeld entstehen ganz automatisch Begegnungen und Gespräche. Ich habe das als sehr bereichernd erlebt, weil daraus auch echte Verbindungen entstanden sind. Freundschaften, die ich so nicht erwartet hätte und die ich auch über die Zeit nach der Klinik hinaus weiterpflege.

Ein wichtiger Teil sind auch die Pflegefachpersonen, die diese Station am Laufen halten. Sie waren immer ansprechbar, offen für Gespräche und gleichzeitig für alles da, was im Alltag gebraucht wird, sei es die Medikamentenabgabe oder andere Unterstützung. Dabei hatte ich nie das Gefühl, kontrolliert zu werden, sondern immer, dass ich begleitet und unterstützt werde.

Man kommt wieder näher an einen normalen Alltag heran. Man lernt, Verantwortung zu übernehmen, Rücksicht zu nehmen und sich selbst zu organisieren. Für mich war das sehr wertvoll, weil es nicht nur um Therapie ging, sondern auch darum, wieder Boden unter den Füssen zu bekommen und sich selbst wieder ein Stück näherzukommen.

Neben der ärztlich-psychiatrischen Abklärung und der Einzelpsychotherapie umfasst eine Behandlung häufig auch Spezialtherapien wie Gestaltungs- oder Kreativtherapie. Wie wichtig waren solche Angebote für Sie?

Diese Angebote waren für mich ein zentraler Teil. Es war nicht eine einzelne Therapie, die den Unterschied gemacht hat, sondern das Zusammenspiel. Gerade die Kreativ- und Gestaltungstherapie hat bei mir Dinge ausgelöst, die ich mit Worten gar nicht so gut hätte ausdrücken können.

Zu Beginn war ich gewissen Therapien gegenüber eher zurückhaltend. Man muss sich darauf einlassen und auch bereit sein, Dinge auszuprobieren. Für mich war es ein Prozess herauszufinden, was mir wirklich guttut. Gleichzeitig habe ich als sehr hilfreich erlebt, dass der Therapieplan jederzeit in Absprache angepasst werden konnte.

Ich habe für mich entschieden, möglichst vieles auszuprobieren. Gerade weil man im Kopf schnell eine abwehrende Haltung entwickelt, war es für mich eine wichtige Erfahrung, zu merken, dass ausgerechnet jene Angebote, bei denen ich zuerst gezögert habe, mir im Nachhinein oft besonders gutgetan haben. Da kam dann auch der Gedanke auf, warum ich mich nicht schon viel früher auf gewisse Dinge eingelassen habe.

Und welchen Stellenwert haben körperorientierte Verfahren wie Bewegungs- und Entspannungstherapie?

Diese Therapien waren für mich sehr wichtig, weil sie einen anderen Zugang schaffen. Man kommt raus aus dem Kopf und wieder mehr in den Körper. Gerade in Kombination mit allem anderen hat mir das geholfen, mich selbst und meinen Körper besser wahrzunehmen.

Gleichzeitig war genau das auch eine grosse Herausforderung für mich. Ich habe mich in meinem Körper lange nicht wohlgefühlt und tue das auch heute noch nicht wirklich. Gerade bei diesen Angeboten kamen viele Gedanken hoch. Mein Kopf hat mir Bilder von früher gezeigt, von Zeiten, in denen mein Körper noch fit war. Ich nenne das für mich mein kleines «Mönsterchen», das sich genau in solchen Momenten meldet und sagt: «Schau mal, wie du dich bewegst, lass es doch lieber, das ist doch viel zu anstrengend.» Und dann kommt schnell der Gedanke, dass es doch viel einfacher wäre, auf der Couch zu sitzen und etwas zu essen, anstatt sich hier damit auseinanderzusetzen.

Genau das war für mich die eigentliche Herausforderung. Gleichzeitig habe ich die Therapeutin für Bewegung und Tanz als sehr empathisch erlebt. Sie hat jeden Teilnehmenden ernst genommen und einen Raum geschaffen, in dem man sich Schritt für Schritt darauf einlassen konnte. Natürlich ist man am Anfang ein wenig gehemmt oder auch peinlich berührt, aber das legt sich mit der Zeit, weil man Vertrauen aufbaut, sowohl zur Therapeutin als auch innerhalb der Gruppe.

Es ging für mich nie darum, mich plötzlich wohlzufühlen, sondern darum, dranzubleiben und mich diesen Momenten trotzdem zu stellen. Rückblickend bin ich froh, dass ich das gemacht habe, weil ich dadurch Erfahrungen sammeln konnte, die mir sonst gefehlt hätten.

Welche spezifischen Therapiebausteine waren und sind in Ihren Augen besonders wirksam?

Für mich war vor allem die Kombination entscheidend. Die Gruppentherapien, insbesondere im Bereich Binge Eating, haben mir sehr viele Erkenntnisse gebracht. Der Austausch mit anderen war extrem wertvoll, weil man merkt, dass man mit seinen Themen nicht allein ist. Ich habe aber auch gemerkt, dass dieser Teil oft unterschätzt wird. Die Gespräche unter den Patientinnen und Patienten haben für mich einen enorm wichtigen Beitrag zum Therapieverlauf geleistet.

Ich habe sehr gerne mit verschiedenen Mitpatientinnen und Mitpatienten gesprochen und ihre Geschichten kennengelernt. Dabei sind Verbindungen entstanden und ich habe manchmal gemerkt, dass es hilfreich sein könnte, wenn sich gewisse Personen untereinander austauschen. Genau dieser Austausch darüber, wie andere mit schwierigen Situationen umgehen, was ihnen hilft und wie sie ihren Weg finden, war für mich unglaublich wertvoll.

Gleichzeitig waren die Einzelgespräche wichtig, um Dinge zu vertiefen und einzuordnen. Es war dieses Zusammenspiel, das für mich wirklich wirksam war.

Welchen Stellenwert hatte die Natur in der Umgebung der Klinik?

Die Natur rund um die Klinik war für mich mehr als nur eine schöne Umgebung. Sie war ein Teil meiner Therapie. Ich bin viel draussen gewesen, oft spazieren oder einfach unterwegs im Wald. In diesen Momenten konnte ich Dinge verarbeiten, Gedanken ordnen oder einfach mal zur Ruhe kommen. Es gab Situationen, in denen ich bewusst allein raus bin, weil ich gemerkt habe, dass ich Bewegung und frische Luft brauche, um mit dem, was innerlich passiert, umgehen zu können. Diese Ruhe, diese Weite und auch das Gefühl, einfach mal weg zu sein vom Alltag, haben mir sehr gutgetan und mein Befinden spürbar verbessert.

Ich konnte glücklicherweise auch nach dem Klinikaufenthalt den Kontakt zur Ernährungsberatung weiterführen. Jedes Mal, wenn ich dort war, hat es sich ein Stück weit so angefühlt, wie nach Hause zu kommen. Bekannte Gesichter, die vertraute Umgebung und diese wunderschöne Gegend haben mir geholfen, diesen Weg weiterzugehen.

Gibt es zentrale Dinge, die Sie im Verlauf der Behandlung über sich und Ihre Krankheit gelernt haben?

Ich habe gelernt, dass mein Essverhalten natürlich ein zentrales Thema ist, aber dass es nicht nur darum geht, was ich esse, sondern wie ich damit umgehe. Ich habe verstanden, dass Gefühle, Muster und alte Erfahrungen eine grosse Rolle spielen.

Eine ganz wichtige Erkenntnis für mich war, dass ich auf nichts verzichten muss. Ich konnte Woche für Woche Gewicht verlieren, ohne dass ich das Gefühl hatte, zu hungern oder mich einzuschränken. Das hat mein Denken komplett verändert. Auch der soziale Aspekt rund ums Essen hat für mich an Bedeutung gewonnen.

Das gemeinsame Kochen am Freitag war jedes Mal ein Highlight, sowohl kulinarisch als auch vom Miteinander her. Es ging nicht darum, perfekt zu sein, sondern gemeinsam etwas zu machen. Man bekommt wieder einen Zugang zum Essen, zum Schmecken, zum Riechen und auch zu einem Gefühl für Portionen.

Eine Aussage der Ernährungstherapeutin ist mir besonders geblieben: «Verzichten Sie auf nichts. Wenn Sie Lust auf etwas haben, dann geniessen Sie es bewusst.» Für mich ist genau das der Schlüssel geworden. Nicht alles zu verbieten und dann frustriert zu sein, sondern immer wieder zurückzufinden und weiterzumachen. Genau das macht es für mich nachhaltig.

Mit welchen Gedanken blicken Sie in Ihre persönliche Zukunft?

Mit mehr Ruhe und Zuversicht. Ich weiss, dass ich noch nicht am Ziel bin, aber ich habe Werkzeuge und ein Verständnis entwickelt, die mir Sicherheit geben. Ich möchte das, was ich hier gelernt habe, in meinen Alltag mitnehmen und weiter daran arbeiten. Es fühlt sich nicht mehr hoffnungslos an, sondern wie ein Weg, den ich gehen kann.

Mir wurde in der Privatklinik Aadorf sehr geholfen, und ich konnte in relativ kurzer Zeit wichtige Erkenntnisse gewinnen und grosse Schritte machen. Gleichzeitig ist mir bewusst, dass es eine andere Herausforderung ist, den Alltag wieder allein zu meistern. Genau diese Erfahrung hat mich aber stärker gemacht und gibt mir die Zuversicht, dass ich meinen Weg weitergehen kann, auch mit den Hindernissen, die ein Alltag mit sich bringt. Ich bin dran – und ich bleibe dran.

Ich will das Ganze aber auch nicht romantisieren. Ich habe Mitpatientinnen und Mitpatienten erlebt, die nicht die gleichen grossen Schritte machen konnten wie ich. Dabei habe ich gesehen, wie wichtig auch die kleinen Schritte sind. Oft kommt man mit Erwartungen, dass sich alles schnell und vielleicht fast von selbst löst. So ist es nicht. Man muss bereit sein, an sich zu arbeiten und einen ehrlichen Austausch mit den Therapeutinnen und Therapeuten zu führen. Genau daraus entstehen dann die kleinen, aber manchmal eben auch die ganz grossen Schritte.

Ich bin sehr dankbar, dass ich diese Möglichkeit hatte und auch die Unterstützung durch die Krankenkasse bekommen habe, die mir diesen Aufenthalt überhaupt erst ermöglicht hat. Das hat in mir auch den Wunsch ausgelöst, etwas zurückzugeben. Ich kann mir gut vorstellen, in einer Institution zu arbeiten, in der ich Menschen unterstützen kann, die in einer ähnlichen Situation sind, wie ich es war. Denn ohne die Hilfe von anderen Menschen hätte ich für mich keinen Ausweg mehr gesehen.

Sie haben Fragen oder brauchen Hilfe? WIR SIND FÜR SIE DA!