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07.10.2026

Adipositas betrifft häufig auch die Psyche

Adipositas ist mehr als ein körperliches Problem. Starkes Übergewicht und psychische Gesundheit stehen in enger Wechselwirkung.

Menschen mit Adipositas leiden oft auch an seelischen Problemen

Adipositas – also krankhaftes Übergewicht – wird in der öffentlichen Diskussion häufig auf fehlende Willenskraft, mangelnde Disziplin oder einen ungesunden Lebensstil reduziert. Dieses Bild greift jedoch zu kurz. Die medizinische Forschung zeigt ein wesentlich komplexeres Bild: Körperliche und psychische Faktoren sind eng miteinander verwoben und beeinflussen sich gegenseitig. Ein rein körperlicher Behandlungsansatz reicht daher oft nicht aus.

Wann spricht man von Adipositas?

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) definiert Adipositas anhand des Body-Mass-Index (BMI), der das Verhältnis von Körpergewicht zur Körpergrösse beschreibt:

 BMI (kg/m²)     Klassifikation
 25,0 – 29,9  Übergewicht (Präadipositas)
 30,0 – 34,9  Adipositas Grad I
 35,0 – 39,9  Adipositas Grad II
 ≥ 40,0  Adipositas Grad III

In der Schweiz sind laut dem Bundesamt für Statistik etwa 11 % der Erwachsenen von Adipositas betroffen – mit steigender Tendenz. Damit zählt sie zu den bedeutenden chronischen Erkrankungen unserer Zeit.

Wie hängen Adipositas und psychische Erkrankungen zusammen?

Zahlreiche Studien belegen eine wechselseitige Beziehung zwischen Adipositas und psychischen Störungen. Eine Metaanalyse im Fachjournal Archives of General Psychiatry zeigte:

  • Menschen mit Adipositas haben ein um 55 % erhöhtes Risiko, an einer Depression zu erkranken.
  • Umgekehrt erhöht eine Depression das Risiko für Adipositas um 58 %.

Diese wechselseitige Beziehung entsteht durch verschiedene Mechanismen, die ineinandergreifen und sich verstärken können.

Wie die Psyche das Gewicht beeinflusst

Psychische Belastungen können direkt zu einer Gewichtszunahme beitragen.

  • Emotionales Essen: Essen kann als Bewältigungsstrategie für negative Gefühle wie Stress, Einsamkeit oder Traurigkeit dienen.
  • Antriebsmangel: Bei einer Depression fehlt oft die Energie für Bewegung und aktive Freizeitgestaltung.
  • Medikamente: Verschiedene Medikamente können eine Gewichtszunahme begünstigen.

Wie Adipositas die Psyche belastet

Nicht nur der Einfluss der Psyche auf das Gewicht ist deutlich – auch der umgekehrte Weg ist gut belegt.

  • Stigmatisierung: Diskriminierung und Vorurteile gegenüber Menschen mit höherem Körpergewicht können das Selbstwertgefühl stark belasten.
  • Körperliche Einschränkungen: Schmerzen oder eine eingeschränkte Beweglichkeit können sozialen Rückzug und depressive Symptome fördern 
  • Biologische Faktoren: Chronische Entzündungsprozesse, die bei Adipositas auftreten können, beeinflussen auch Stoffwechsel- und Hirnfunktionen.
  • Genetische Faktoren: Genetische Veranlagungen können sowohl das Gewicht als auch die psychische Gesundheit beeinflussen.

Binge-Eating-Störung: Eine häufige Erkrankung bei Adipositas

Die Binge-Eating-Störung (BES) ist die häufigste Essstörung bei Menschen mit Adipositas. Laut dem International Journal of Eating Disorders sind etwa 20 bis 30% der Menschen, die wegen Adipositas Behandlung suchen, von einer BES betroffen.

Was ist eine Binge-Eating-Störung?

Charakteristisch für eine Binge-Eating-Störung sind wiederkehrende Essanfälle mit:

  • Aufnahme grosser Nahrungsmengen in kurzer Zeit
  • Gefühl des Kontrollverlusts während des Essens
  • Essen bis zu starkem Unwohlsein und unangenehmem Völlegefühl
  • Rückzug und heimliches Essen aus Scham
  • Schuldgefühle und Selbstekel nach dem Essanfall

Im Unterschied zur Bulimie erfolgen keine kompensatorischen Massnahmen wie Erbrechen oder übermässiger Sport.

Warum eine ganzheitliche Behandlung wichtig ist

Eine erfolgreiche Therapie berücksichtigt sowohl körperliche als auch psychische Faktoren. Moderne Behandlungsansätze setzen deshalb auf ein integratives Konzept. Auch die S3-Leitlinie zur Prävention und Therapie der Adipositas betont die Notwendigkeit eines ganzheitlichen Behandlungsansatzes, der körperliche und psychische Aspekte verbindet:

  • Behandlung psychischer Erkrankungen: Sogenannte psychiatrische Komorbiditäten wie Depression, Angststörungen oder Essstörungen erfordern eigenständige Behandlung.
  • Psychotherapie: Bearbeitung von emotionalem Essen, Stressbewältigung, Selbstwertförderung.
  • Ernährungstherapie: Strukturierte, nachhaltige Ernährungsumstellung und Veränderung der Essgewohnheiten.
  • Bewegungstherapie: An die individuelle Belastbarkeit angepasste körperliche Aktivität.
  • Medizinische Behandlung: Diagnostik und gegebenenfalls Behandlung von medizinischen Komplikationen (z.B. Diabetes, Bluthochdruck, Gelenkbeschwerden), bei Bedarf medikamentöse Unterstützung zur Gewichtsabnahme (z.B. Wegovy oder Mounjaro)

Nur wenn alle Aspekte berücksichtigt und miteinander verbunden werden, kann eine langfristige Verbesserung erreicht werden.

Entstigmatisierung: entscheidend für eine erfolgreiche Behandlung

Menschen mit Adipositas sind häufig mit Vorurteilen konfrontiert. Diese Stigmatisierung wirkt sich negativ auf die psychische Gesundheit aus und kann den Behandlungserfolg erheblich erschweren. Das Fachmagazin Lancet Public Health veröffentlichte 2020 eine internationale Konsenserklärung zur Bekämpfung von Gewichtsstigma. Die Expertinnen und Experten betonen: Stigmatisierung ist nicht nur moralisch problematisch, sondern auch medizinisch kontraproduktiv – sie erhöht das Risiko für psychische Erkrankungen und erschwert den Behandlungserfolg.

Ein respektvoller und vorurteilsfreier Umgang ist daher essenziell. Adipositas ist eine komplexe chronische Erkrankung, keine Frage von fehlender Willenskraft. Menschen mit Adipositas verdienen die gleiche respektvolle, vorurteilsfreie Behandlung wie bei jeder anderen chronischen Erkrankung.


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